Mobilisationsassistenz - Hilfe zur Pflege -


Vorwort

Für viele Menschen bildet die Vorstellung einer teilweisen oder gar völligen Lähmung bei gleichzeitigem Bewusstsein den absoluten Albtraum. Auch viele Ärzte und in Heil- und Pflegeberufen Tätige sehen in einem solchen Zustand, wie er nach Schlaganfällen vorkommt und sich zum Beispiel am extremsten im Locked-In Syndrom manifestiert, einen hoffnungslosen Befund, der lediglich noch palliative (lebenserhaltend, keine Gesundung) und bestenfalls stabilisierende Maßnahmen erfordere. Neuere Forschungsergebnisse, die von Cathrin Bütefisch, Horst Hummelsheim, Petra Denzler und Karl-Heinz Mauritz 1995, und von Ch. Eickhof 1999 publiziert wurden, zeigen jedoch, dass durch intensives und andauerndes Mobilisationstraining mehr als eine Stabilisierung, nämlich eine deutliche Verbesserung der Situation der von solchen neurologischen Krankheiten betroffenen Patienten erreicht werden kann.
Vereinfacht gesprochen kann eine verloren gegangene Fähigkeit, einen bestimmten Bewegungsablauf durchzuführen, durch intensive und andauernde Wiederholung dieses Bewegungsablaufs mittels Mobilisation, wiedererlangt werden.
In den vorliegenden Fällen der zitierten Studien führte die Mobilisationstherapie bei Patienten mit motorischen Einschränkungen an den Armen zur vollen Rückgewinnung ihrer Beweglichkeit. Somit scheint die Fähigkeit des zentralen Nervensystems zu bestehen, mittels Mobilisation der betroffenen Körperteile motorisch neu- bzw. umzulernen, mehr als bislang angenommen. Je früher und umfassender der Patient rehabilitationstherapeutisch "gefordert" wird, desto größer sind seine Chancen auf weitgehende Wiederherstellung. Zum Beispiel hat der Gründer von LIS e. V., ein Locked-in-Betroffener, mithilfe seiner Lebensgefährtin bis zu 6 Stunden täglich ein Bewegungstraining absolviert.

Das Projekt Mobilisationsassistenz in Berlin

Es erschien aus dieser persönlichen Erfahrung heraus deshalb überaus sinnvoll, ein solches ergänzendes Mobilisationstraining, möglichst frühzeitig in das Programm der in einer Klinik durchgeführten Rehabilitationsmaßnahmen einzufügen. LIS e.V. hat ein Projekt initiiert, das auf diesen neuen Erkenntnissen aufbaut und sie seit Mai 2004 in die Praxis von Klinik und Pflegeeinrichtungen integriert. Wir möchten dadurch auch die Forschung in diesem Bereich weiter anregen und unterstützen. Der Verein LIS e.V. hofft, durch die Verbesserung der Situation von schwer Erkrankten, die Verhinderung ihrer völligen Hospitalisierung (Schädigung des Verhaltens durch lange Liegedauer im Krankenhaus) und lebenslangen Invalidität, auch einen Beitrag zur Senkung der Kosten für die Allgemeinheit zu leisten. Dieses Projekt wurde daher vollständig von der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Nord gemeinsam mit der SPI consult als Treuhänder des Landes Berlin im Rahmen einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme finanziert. In Zusammenarbeit mit der Station für schwerst Schädel-Hirnverletzte des Vivantes-Klinikum in Berlin-Spandau wird gezielt der positive Einfluss intensiver repetitiver (wiederholender) Mobilisationstherapie auf den Zustand von neurologisch bedingten Lähmungen betroffener Patienten untersucht.
Die Ergebnisse wurden über den gesamten Verlauf hin wissenschaftlich ausgewertet und sollen später veröffentlicht werden.
Zum Beispiel war es in einem schweren Fall bereits möglich, den Patienten aus der Phase des Locked-In bis zur Wiedererlangung des Greifens und der ersten Schritte zu führen, ein Ergebnis, auf das die Mobilisationsassistentinnen zu recht stolz sind.

Die Ziele der Mobilisationsassistenz

Tagung in Rheinsberg Da die erforderlichen therapeutischen Maßnahmen ergänzend zu den klassischen Rehabilitationstherapien angewandt werden,
ist die Durchführung der begleitenden Mobilisationen durch so genannte MobilisationsassistentInnen eine gute Lösung;
die MobilisationsassistentInnen wurden durch den Verein LIS e.V. auf ihre Aufgabe vorbereitet,
sowie laufend fachlich weiterqualifiziert und betreuen jeweils 1-3 Patienten intensiv.
Der Beruf ist nicht anerkannt, wird von der Agentur für Arbeit ungefähr mit 1000 Euro pro Monat vergütet.

Die Aufgaben der AssistenInnen

  • Begleitung zu den Therapiestunden
  • Assistenz bei den Therapien
  • Aneignung unter der Anleitung des Therapeuten individuell zugeschnittener Übungen
  • Anwendung der erlernten Übungen
  • Assistenz bei einfachen pflegerischen Maßnahmen (Lagern, Umsetzen in den Rollstuhl, ...)
  • Psychologische Unterstützung des Patienten
  • Erfüllung von Patientenbedürfnissen, wie beim Essen assistieren, den Patienten im Rollstuhl hinausfahren, ...
  • Mittel- und langfristig soll die Mobilisationsassistenz die Rückkehr der Patienten von der stationären zur ambulanten Pflege zu Hause ermöglichen und gleichzeitig die Angehörigen für Berufsleben und Alltag entlasten.
Bei allem ist zu beachten, dass die Mobilisationsassistenz weder die Pflege, noch die Therapie ersetzen kann.

Durchführung des Projekts

Erfahrungen von Patienten und Angehörigen zeigen, dass zusätzliches mehrstündiges Mobilisationstraining erstaunliche Verbesserungen erzielt;
so waren zum Beispiel in einem Falle sechs- bis acht zusätzliche Trainingsstunden über das klinische Programm hinaus notwendig, um die heute sehr guten Ergebnisse zu erzielen. Dieselben Erfahrungen haben andere Patienten gemacht, deren Berichte dem Verein vorliegen, und die zum Teil noch auf ihre Veröffentlichung warten.
Diese Berichte zeigen nochmals auf, warum eine Mobilisationsassistenz eine notwendige Ergänzung zum traditionellen Therapiekanon darstellt, und auf welche Weise unser Projekt die Rückkehr von schwerst bettlägerigen Patienten in ein mobiles und unabhängiges Leben ermöglichen kann.
Die Betreuung ist von den meisten Angehörigen allein nicht zu bewältigen, weshalb eine Rückkehr nach Hause oft sehr erschwert ist.
Einer der wesentlichen Begründungen für unser Projekt ist daher, diese Rückkehr in den häuslichen Bereich zu ermöglichen und eine Unterbringung in Pflegeheimen zu vermeiden, für deren Kosten vorwiegend die öffentliche Hand aufkommen muss.
Durch die Bereitstellung der Mobilisationsassistenz werden bei Angehörigen Ängste abgebaut, die Betreuung ihrer Familienmitglieder nach und nach selbst zu übernehmen, und dies mit ihrem eigenen Berufsleben zu vereinbaren.

Aufgaben von LIS e.V. bei diesem Projekt

  1. Den Einsatz von MobilisationsassistentInnen zur Mobilisationshilfe für die Patienten und zur Entlastung der Angehörigen.
  2. Wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Projekts. Der Einsatz der MobilisationsassistentInnen wird während der gesamten Zeit wissenschaftlich begleitet und die Auswirkung auf die Verbesserung des Zustands des Patienten überprüft. Die Daten sollen mit solchen von nicht so ausführlich behandelten Personen verglichen werden (Kontrollgruppe bzw. Ergebnisse anderer Kliniken).

Zusammenfassung

Zusammenfassend sind die Ziele des Pilotprojektes:
  • Verbesserung des Zustands bei Patienten nach schweren neurologischen Erkrankungen durch intensive Mobilisationshilfe zur Unterstützung und Vertiefung der täglichen Therapie.
  • Möglichst weitgehende Wiederherstellung der Selbstständigkeit der Patienten im häuslichen Bereich, um eine Einweisung in ein Pflegeheim als "Endstation" zu vermeiden; erreicht werden soll dies durch tägliche unterstützende zusätzliche Übungen, die von den behandelnden Therapeuten empfohlen werden.
  • Integration der Patienten ins Alltags- und Berufsleben durch Hilfestellung und Unterstützung der Patienten und ihrer Familien.
  • Verkürzung der Liegezeiten in den Kliniken durch Verbesserung der Mobilität.
  • Qualifikation der MobilisationsassistentInnen für verschiedene Aufgaben im Pflegebereich, z. B. auch die häusliche Pflege.
  • Qualifizierender Einblick in die medizinische Pflege an einem ausgewählten Rehabilitationszentrum in Berlin für die TeilnehmerInnen der Maßnahme.
  • Schärfung des Problembewusstseins für Behindertenbelange, menschliche Förderung aller Beteiligten.
  • Weiterbildungsangebote gemeinsam mit Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal bezüglich der Behandlung von Locked-In Patienten: Information über die neuesten Behandlungsmethoden und neuere Forschungsergebnisse; psychologische Schulung im Umgang mit z.B. vom Locked-In Syndrom betroffenen Patienten und deren Angehörigen.
  • Intensivierung der Kommunikation zwischen Ärzten, Pflegepersonal, Therapeuten und Patienten und deren Angehörigen durch die Mobilisationsassistenz. So kann eine verbesserte Atmosphäre für die Patienten geschaffen werden, um ihre Heilungschancen zu verbessern und sie zu motivieren, selbst aktiver am Heilungsprozess teilzunehmen. Auch die Angehörigen können so wieder stärker beteiligt werden.

Ausblick

Um die bisher erreichten Erfolge des Projektes einer auch fachlich interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen,
fand im Dezember 2004 wieder eine Fachtagung im Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH) statt.
Die dort gehaltenen Vorträge werden voraussichtlich 2005 wie auch schon bei den vorangegangenen Tagungen in einem Tagungsband erscheinen.


1 Bütefisch, C.; Hummelsheim, H.; Denzler, P.; Mauritz, K.-H.: Repetitive training of isolated movements improves the outcome
of motor rehabilitation of the centrally paretic hand In: Journal of the Neurological Sciences 130 (1995), p. 59-68
2 Eickhof, Ch.: Die Therapie der zentralmotorischen Lähmung auf neurophysiologischer Grundlage In: Krankengymnastik 51/6 (1999), p. 966-978
3Bütefisch, C. et al.: op. cit., p. 67; Eickhof, Ch.: op. cit., p. 974ff.
4 vgl. Pantke, K.-H.: Locked-in. Gefangen im eigenen Körper Frankfurt am Main 22000, S. 158ff.